Beunruhigende Berichterstattung über Onlinespielesucht

Die DAK-Gesundheit lanciert derzeit eine Berichterstattung über „Internet- und Gaming-Sucht bei Kindern“. Neben Presseberichten beim stern, Zeit Online und N24 wurde als „Partnerinhalt“ bei Focus Online ein Text veröffentlicht, in dem die Ergebnisse einer durch das Forsa-Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen durchgeführten repräsentativen Untersuchung thematisiert werden.

Unter dem ergebnisoffenen Titel „Game over: Wie abhängig machen Computerspiele?“ wurden 1.531 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren zu ihrer Videospielnutzung befragt – das Ergebnis:

„8,4 Prozent der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 bis 25 Jahren sind laut einer neuen DAK-Studie* süchtig nach Computerspielen.“

Besorgten Eltern wird aufgezeigt, woran sie eine Sucht ihrer Sprößlinge erkennen und geraten, sich an die Angebote auf computersuchthilfe.info oder den Fachverband für Medienabhängigkeit zu wenden. Praktischerweise wird auch direkt ein „Selbsttest“ verlinkt sowie auf das DAK-Spezial zu diesen Themenschwerpunkt verwiesen. Den Klick auf den Link kann sich der Leser jedoch auch sparen – die hilfreichen Hinweise der DAK-Gesundheit – „Sehen Sie bitte dennoch in jedem Fall davon ab, gemeinsam dem Internetkonsum nachzugehen. Sie haben dadurch weder wirklich mehr Zeit miteinander noch können Sie das Surfverhalten dadurch kontrollieren“ – finden sich in abgewandelter Formulierung auch beim Focus wieder.

Der verlinkte Fachverband Medienabhängigkeit e.V. begrüßt die Untersuchung der DAK-Gesundheit seinerseits ein einer Pressemitteilung:

„Die Studie „Internetsucht im Kinderzimmer“ der DAK unterstreicht ein weiteres Mal die Notwendigkeit einer umfassenden, nachhaltigen und qualifizierten Präventionsarbeit für den Bereich der jugendlichen bzw. familiären Mediennutzung.“

Nach der Eigendarstellung arbeiten übrigens die Gründungsmitglieder des Fachverbandes Medienabhängigkeit e.V. „an Forschungseinrichtungen wie […] der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen“. Den Umstand, dass nach § 2 Abs. 2 der Satzung der „Zweck des Vereins […] der Einsatz dahingehend [ist], dass die Medienabhängigkeit als eigenständiges Störungsbild anerkannt wird“, sollte man bei der Lektüre von Publikationen von an der MHH oder dem KFN e. V. tätigen Personen im Hinterkopf behalten.

Gerade der Umstand, dass „Onlinespielsucht“ bisher noch nicht als „echte“ Sucht anerkannt ist, sondern bisher lediglich als „eine mögliche zukünftige Diagnose“ im Diagnosehandbuchs DSM-5 der American Psychiatric Association geführt wird, fällt beim „Partnerinhalt“ unter den Tisch, worauf bei golem in einem Artikel hingewiesen wird.

Hanno Böck weist weiter darauf hin, dass die Studie noch gar nicht veröffentlicht sei sowie sich „zur Zeit im Reviewverfahren befinde“ – die mediale Berichterstattung vor Abschluss der Prüfung erscheint hier zumindest als merkwürdig. Auch hätten andere Studien – selbst eine von Florian Rehbein des KFN e.V. mit „1,16 Prozent“ – nur weitaus geringere Werte oder abgesehen von dem Umstand, dass „Personen mit einer Onlinespielsucht […] häufiger“ spielen, keine statistisch signifikanten Zusammenhänge feststellen können.

Nach der dpa bezeichnete die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler die Ergebnisse der Forsa-Umfrage als „beunruhigend“ und sprach sich für die Anerkennung als eigenständiges Krankheitsbild aus.

Links:

(Dank an amegas und marcymarc.)

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