Spielesucht soll Anerkennung als Krankheit finden

In der WHO (Weltgesundheitsorganisation) kursiert ein Entwurf für die 11. Auflage der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) in der Spielesucht als eigenständige Krankheit (Abschnitt: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren – Schädlicher Gebrauch von nichtabhängigkeitserzeugenden Substanzen) unter dem Eintrag 6D71 (6D71.1 Onlinespielesucht, 6D71.2 Offlinespielesucht, 6D71.Z unspezifizierte Spielesucht). Am 30. März 2017 entscheidet die Organisation über die Annahme dieses Entwurfs als neueste Fassung des umfassenden Klassifikationswerkes für Krankheiten.

Die vorläufige Definition der Krankheit (Onlinespielesucht) lautet im englischen Original:

„Gaming disorder, predominantly online is manifested by a persistent or recurrent gaming behaviour (i.e., ‘digital gaming’ or ‘video-gaming’) that is primarily conducted over the internet and is characterised by an impaired control over online gaming, increasing priority given to online gaming over other activities to the extent that online gaming takes precedence over other interests and daily activities and continuation of online gaming despite the occurrence of negative consequences. The behaviour pattern is of sufficient severity to result in significant impairment in personal, family, social, educational, occupational or other important areas of functioning. These features and the underlying pattern of online gaming are normally evident over a period of at least 12 months in order for a diagnosis to be assigned, although the required duration may be shortened if all diagnostic requirements are met and symptoms are severe.“

In der Forschung gibt es verschiedene Theorien, weshalb Computerspiele süchtig machen. Neben den persönlichen und sozialen Indikationen, welche generell ein Suchtverhalten befördern, werden die Belohnungssysteme in Spielen als mögliche, ein Suchtverhalten fördernde Komponente vermutet. Kritiker werfen der Spieleindustrie vor, mit ihrem Gamedesign gezielt auf die Belohnungszentren im Gehirn abzuzielen, um zahlende Kundschaft zu binden und neuerdings über Mikrotransaktionen erhöhte Umsätze zu erzielen. Bisher konnte in der Forschung noch kein anerkannter Konsens über die Einstufung als Krankheit gefunden werden. Mit einer Eintragung in die ICD Klassifikation, wäre jedoch ein Schritt in diese Richtung getan.

Einige Forscher sprechen sich jedoch deutlich gegen die Eintragung als eigenständige Krankheit aus. In einem offenen Brief, welcher als Beitrag in der Zeitschrift „Journal of Behavioral Addictions“ veröffentlicht wurde, beschreiben sie ihr Unbehagen in der geplanten Klassifizierung. Ihrer Meinung nach ist der Forschungsstand zum Thema alles andere als gesichert und eine vorzeitige Eintragung würde „mehr Schlechtes als Gutes“ bringen. Sie bringen drei gewichtige Gründe gegen die Eintragung vor:

  • Der derzeitige Forschungsstand ist wenig gesichert und immer noch kontrovers.
  • Die Messkriterien für eine Diagnose sind noch zu abhängig von Suchtverhalten basierend auf Substanzenmissbrauch oder Glückspielsucht ohne weitere Faktoren einzubeziehen.
  • Es gibt keinen Konsens in Bezug auf die Symptomatiken und Diagnoseverfahren für eine Spielabhängigkeit.

Dies solle nicht heißen, dass es die Problematik selbst nicht geben würde. Es wäre aber weitere Forschung notwendig, um mehr Konsens – vor allem in Bezug auf Therapiemöglichkeiten – herzustellen. Die Autoren des Beitrages befürchten, dass durch die vorschnelle Eintragung die Forschung in eine falsche Richtung gedrängt werden könnte und dass nicht von der Suchtproblematik Betroffene unter einer Stigmatisierung, ähnlich wie es bei Drogenabhängigen der Fall ist, leiden könnten. Auch der Vorschlag im neuen ICD-11 Entwurf räumt ein, dass bisher die vollen Auswirkungen nicht bekannt sind, falls es sie geben sollte:

„Hazardous gaming refers to a pattern of gaming, either online or offline, that appreciably increases the risk of harmful physical or mental health consequences to the individual or to others around this individual. The increased risk may be from the frequency of gaming, from the amount of time spent on these activities, from the neglect of other activities and priorities, from risky behaviours associated with gaming or its context, from the adverse consequences of gaming, or from the combination of these. Hazardous gaming has not yet reached the level of having caused harm to physical or mental health of the user or others around the user. The pattern of gaming is often persists in spite of awareness of increased risk of harm to the individual or to others.“

Im offenen Brief erklären die 26 ForscherInnen die Nachteile, die eine vorzeitige Eintragung vor einem gesicherten Forschungsstand hätte:

  1. Die vorherrschende Moralpanik um die Auswirkung von digitalen Spielen könnten in einer verfrühten Anwendung von klinischen ungesicherten Diagnosen und zur ungeprüften Behandlung von falsch-positiven Fällen führen.
  2. Die zukünftige Forschung würde in Richtung des zu bestätigenden Krankheitsbildes verharren, statt die Grenzen zwischen normalem und krankhaften Verhalten auszuloten.
  3. Die gesunde Mehrheit von Video- und Computerspielern wird durch Stigmatisierung und übereifriger, vorauseilender Gesetzgebung unnötig betroffen sein.

Erkennung von Suchtverhalten sollten ebenfalls mit der Spieleindustrie und der Spielergemeinde selbst besprochen werden. So können frühzeitig etwa Best-Practice Verfahren entwickelt werden. Das Medium an sich ermöglicht durch die immer prävalentere Online-Bindung eine Beobachtung, frühzeitige Diagnose (nach gesichertem Kenntnisstand) und Ansprache von Betroffenen, welche andere Medien und Substanzen nicht bieten. Hier ist ein konzertiertes Vorgehen sinnvoll, um nicht mögliche Therapiemöglichkeiten von vornherein zu verhindern oder Fronten zu schaffen, wo keine sein müssten.

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2 Gedanken zu “Spielesucht soll Anerkennung als Krankheit finden

    • Ich denke mal Lesesucht ist kein großes Problem.
      Fernsehsucht jedoch ist tatsächlich sogar schlimmer als Spielesucht, da man beim spielen wenigstens selbst noch was tut und sein Gehirn ernsthaft anstrengt, anders als beim fernsehen…

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