VDVC-Umfrage 2016: Alte Spiele

Die VDVC-Umfrage unterscheidet sich auch deswegen von den üblichen Statistiken, weil die Teilnehmer nicht nach den gekauften, sondern nach den genutzten Spielen gefragt werden. Diesen Einblick, welche Titeln wie häufig genutzt wurden, können Verkaufscharts nicht bieten. Der größte Unterschied hierbei ist, dass die Nutzung älterer Titel in der Statistik auch dann erfasst wird, wenn diese nicht erst im zurückliegenden Jahr gekauft wurden. So sind 2016 die genutzten Spiele im Durchschnitt Mitte 2013 – mithin 2 Jahre und 7 Monate vor dem „aktuellen“ Jahr – erschienen. Dabei entfielen insgesamt 53 % der Spielenutzungen auf in den letzten 3 Jahren veröffentlichte Titel; 47 % wurden also 2013 oder früher veröffentlicht.

Diese Zahlen sind mit gewisser Vorsicht zu genießen, da eine pauschale Einordnung den Besonderheiten eines jeden Spiels nicht immer gerecht wird: So wurde beispielsweise „World of Warcraft“ mit dem Jahr 2005 als Release erfasst, obwohl mittlerweile sechs Erweiterungen, zuletzt im August 2016 „Legion“, erschienen sind. Auch bei dem 2011 erschienen „The Elder Scrolls V: Skyrim“ wurde es trotz der 2016 veröffentlichten „Special Edition“ beim ursprünglichen Release belassen. Weiter wird auch bei „Grand Theft Auto V“ von 2013 als Release ausgegangen, obwohl das Spiel erst seit 2015 auch für den PC erhältlich ist. Oft genannte Videospiele, bei denen das Beibehalten des ursprünglichen Releasetermins als weniger problematisch erscheint, sind unter anderem „Counter-Strike: Global Offensive“ (2012), „League of Legends“ (2009), „Gothic II“ (2003) und „Minecraft“ (2010).

„Ultima IV: Quest of the Avatar“ das älteste genutzte Spiel

Zu den ältesten genannten Spielen zählen „Ultima IV: Quest of the Avatar“ (1985), „Wizardry: Crusaders of the Dark Savant“ (1992) und „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“ (ebenfalls 1992), wobei es sich jeweils um Einzelnennungen handelt. Verhältnismäßig häufig genutzte ältere Spiele sind „Tomb Raider featuring Lara Croft“ (1996), „Age of Empires II: The Age of Kings“ (1999) und „Gothic“ (2001). Hierbei liegt die größte Schwierigkeit darin herauszufinden, welches Spiel mit einer Nennung wirklich gemeint ist: Schon die Publisher machen es einem nicht leicht, wenn gleichnamige Titel herausgebracht werden, wie beispielsweise „Doom“ (1993 und 2016), „Die Siedler II (1996 und 2006) sowie „Need for Speed: Most Wanted“ (2005 und 2012). Wenn nun „Turmoil“, „The Witness“ oder „Castle of Illusion Starring Mickey Mouse“ angegeben werden, ist nicht eindeutig, ob das Original oder das Remake gemeint ist.

Der Umstand, dass manch ein Spiel nicht mehr genutzt wird, ist dabei nicht immer auf eine Entscheidung des Spielers zurückzuführen. Nicht selten können Spiele nach dem Umstieg auf ein anderes Betriebssystem oder dem Einstellen des Supports durch den Anbieter schlicht nicht mehr (legal) nutzen. Bei der Befragung gaben 31 % an, dass sie schon mehrfach ein Spiel nicht mehr nutzen konnten, weil der Anbieter den Support einstellte bzw. die Server vom Netz nahm. Sogar 44 % mussten mehrfach darauf verzichten ein Spiel weiterhin zu spielen, weil es – zum Beispiel nach dem Umstieg auf ein neues Betriebssystem – nicht mehr lief. Der Publisher Electronic Arts (EA) ist hierbei transparent und listet (euphemistisch als Online-Service-Updates) online auf, ob wann welche Spiele nicht oder nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden können. Darunter ist auch die zum 14 Juli 2015 erfolgte Einstellung von „Battlefield Play4Free“, „Need for Speed: World“ und „FIFA World“, nach jeweils 6 Jahren, 3 Jahren und 1 Jahr. Auch wenn der „Shutdown“ 90 Tage vorher angekündigt wurde dürfte der ein oder andere, der kurz zuvor noch echtes Geld in sein Fahrzeug investierte, hierüber nicht begeistert gewesen sein („Refunds will not be available for purchases made toward these titles.“). Wer sich weiterhin an dem Spiel erfreuen möchte, ist im Fall von „Need for Speed: World“ auf den inoffiziellen Offline-Patch angewiesen.

The game you are looking for isn’t available

Die Gründe, weshalb ein Spiel nicht mehr angeboten wird, können dabei vielfältig sein. EA stellt beispielsweise auch aus wirtschaftlichen Gründen für manche Funktionen von Spielen oder für diese insgesamt benötigte Infrastruktur nicht mehr bereit, wie es auch kommuniziert wird:

„Wenn Spiele durch neuere Titel ersetzt werden, sinkt die Anzahl der Spieler von Spielen, die schon eine ganze Weile live sind, auf ein bestimmtes Level – meist weniger als 1 % aller Online-Spieler verteilt auf alle EA-Titel – und dann ist es nicht mehr praktikabel, all die Arbeit hinter den Kulissen fortzuführen, die nötig ist, um die Online-Dienste für diese Spiele aufrecht zu erhalten.“

Für reine Onlinespiele, bei denen Server nicht durch die Community erstellt, sondern allein vom Betreiber zur Verfügung gestellt werden, bedeutet dies offiziell das Ende des jeweiligen Spiels. Darüber, ob die Spiele (eingeschränkt) noch am Leben gehalten werden, ist – wie im Fall von „Need for Speed: World“ entscheidend, ob aus der Community inoffizielle Offline-Patches erstellt oder – wie im Fall von „Tribes 2“ von Sierra Entertainment – nach entsprechender Veränderung des Spiels inoffizielle (Ersatz-) Server zur Verfügung gestellt werden können. Warum nicht bereits bei der Entwicklung durch die Hersteller dafür Sorge getragen wird, dass das Spiel auch noch weiter genutzt werden kann, wenn es durch den Publisher „abgeschrieben“ wurde, ist möglicherweise mehr als eine Kostenfrage: Ein versteckter „freier“ Modus könnte möglicherweise noch während der Vermarktung des Titels eine Umgehung des DRM erleichtern und vielleicht passt es auch schlicht nicht zur Strategie des Publishers, dass der Vorgänger mit dem Nachfolger noch um Nutzer konkurriert.

Bei „Battlefield 1942“ waren es jedoch andere Gründe die EA dazu bewegt haben, auf das weitere Angebot dieses Spiels zu verzichten. Dieser Klassiker setzte – wie viele andere Titel auch – für den Multiplayermodus auf den Dienst GameSpy, der Ende Mai 2014 eingestellt wurde. Da EA das Spiel als primäres Onlinespiel verstand, wird es nicht mehr zum Verkauf angeboten:

„Die Technologie zur Online-Multiplayer-Spielersuche für dieses Spiel wurde von GameSpy bereitgestellt; das Unternehmen hat diesen Dienst deaktiviert. Da der Multiplayer-Modus wesentlicher Bestandteil des Spielerlebnisses war, haben wir entschieden, Battlefield 1942 nicht mehr in der derzeitigen Form zu verkaufen.“

Mittlerweile ist nicht einmal der Hinweistext verfügbar, sondern „Battlefield 1942“ ist schlicht spurlos aus dem Angebot von Origin verschwunden. Dabei kann allein die Suche nach Onlinespielen nicht mehr genutzt werden, manuelle Serverwahl und der LAN-Modus (auch für Spiele per VPN) funktionierten weiterhin. Diesen Workaround wollte EA seinen Kunden aber offenbar nicht zumuten oder kam zur Überzeugung, dass dies den eigenen Qualitätsansprüchen nicht genügt.

Ein besonderes Ärgernis war für viele Spieler auch der Umstieg auf Windows 10. Die Kopierschutzprogramme SafeDisc und SecuROM sind mit Windows 10 inkompatibel, weshalb hunderte Spiele, bei denen dieser verwendet wurde, nicht mehr ausgeführt werden konnten. Um ein Spiel weiterhin zu nutzen musste der Kopierschutz mit einem – natürlich ebenfalls nicht offiziellen – „no-cd-crack“ ausgeknockt oder – im Fall von Starforce – mit einem offiziellen Patch geupgradet werden.

Bei einer Reihe von anderen Spielen wird schlicht die Installationsroutine nicht mehr ausgeführt, so dass nach Anleitungen oder mit inoffiziellen/modifizierten Dateien der Spieler auch hier selbst für Abhilfe sorgen muss. Wenn sich herausstellt, dass die vorausgesetzte Verzeichnisstruktur von denen der (deutschen) CD abweicht und die Links zu angepassten *.exe-Dateien oder Installationsassistenten ins Nirvana führen, kann der Versuch ein Spiel zum Laufen zu bringen auch schon einmal ein Wochenende kosten. Daneben stellt sich natürlich auch die Frage, ob es wirklich in jedem Fall eine gute Idee ist, ein in irgendwelchen Tiefen des Internets ausgegrabenes Programme von irgend einem dahergelaufenen Programmierer mit Adminrechten auf seinem Computer ausführen zu wollen. Letztendlich kann es dazu führen, dass sich die Emulation mit beispielsweise „DOS Box“ und „XP Box“ als einfachste Variante herausstellt.

Spiel geht nicht mehr? Nochmal kaufen!

Genaugenommen sind viele Spieler mit ihren Erwartungen jedoch etwas starrköpfig, wenn sie noch nach 20 Jahren versuchen, ein bestimmtes Videospiel (wieder) zum laufen zu kriegen. So dürfte auch die Anzahl der Leute überschaubar sein, die sich darüber aufregen, dass ihre „Star Wars“-VHS nicht in den DVD- bzw. BlueRay-Player passt. Hier dürfte die naheliegende Lösung sein, die VHS als Briefbeschwerer zu nutzen und sich den Streifen auf einen zeitgemäßen Speichermedium (erneut) zu kaufen. Ähnlich ist es beispielsweise bei Microsofts „Xbox One“, bei der nur vordergründig eine Abwärtskompatibilität besteht: Eingelegte Datenträger von „Xbox 360“-Spielen sind praktisch nur noch eingelegte physische CD-Keys, die das Herunterladen einer kompatiblen „Xbox One“-Fassung des Spiels erlauben. Zumindest ist hier der Bezug der kompatiblen Fassung kostenlos für solche Spieler, die die Grundversion bereits besitzen. Bei Sonys „Playstation 4“ müssen dagegen die kompatiblen Fassungen, die über den Dienst „Playstation Now“ gestreamt werden, erneut zum Vollpreis erworben werden. Erneut zur Kasse gebeten werden auch die Nutzer der „Virtual Console“ für Nintendos „Wii U“, wobei es sich hier um einen echten Emulator handeln soll.

Auch bei PC-Titeln gibt es mittlerweile verschiedene Möglichkeiten, alte Spiele auch dann noch zu nutzen, wenn diese mit dem aktuellen Betriebssystem nicht mehr wollen. So bietet beispielsweise GOG.com Videospiele ohne Kopierschutz an, so dass hier bezogene Software auch nicht von der Windows 10-Inkompatibilität von „SafeDisc“ betroffen waren. Auch befindet sich bei Steam mittlerweile eine große Anzahl von Klassikern im Angebot, die auch auf aktuellen Betriebssystemen laufen sollen. Und wer hier nicht fündig wird, kann sein Glück bei anderen Seiten versuchen, die sich teilweise in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Wie erfolgreich man hierbei ist, haben wir anhand der (identifizierbaren) Titel ausprobiert, die in der ersten Ausgabe der GameStar (9/1997) getestet wurden:

Pirates!

Für eine aktuell lauffähige Fassung eines Spiels, das man bereits besitzt, erneut zu zahlen, erscheint dabei zumindest auf den zweiten Blick nicht als vollkommen abwegig. Wenn es wegen neuer Betriebssysteme und anderer geänderter technischer Rahmenbedingung notwendig ist, ein Spiel anzupassen, ist damit Arbeit verbunden, die sich ein Publisher auch bezahlen lassen darf. Und demjenigen, der 10 Jahre Freude an einem für 60,- DM erstandenen Kleinod hatte, dürfte es auch wert sein, für 10 weitere Jahre ein paar weitere Euro zu bezahlen. Sich ein Spiel allein aus finanziellen Gründen illegal zu beschaffen, wird dabei von nur einer Minderheit der Umfrageteilnehmer praktiziert – 84 % geben an, sich noch nie aus Geldmangel ein Spiel illegal besorgt zu haben.

Wenn jemand dagegen keinen legalen Weg mehr finden sollte, an ein Videospiel zu gelangen, ist die „Hemmschwelle“ sich dies illegal zu besorgen geringer. Viele der Umfrageteilnehmer geben an, dass es in ihren Augen stets in Ordnung sei, sich ein nicht mehr erhältliches Spiel illegal zu besorgen. Dies ist für die Teilnehmer auch keine rein akademische Frage: 30 % der Befragten gaben an ein Spiel illegal zu nutzen, weil dies legal nicht mehr erhältlich war.

Tatsächlich sind – wie die obige Liste zeigt – jedoch eine große Anzahl von Spielen älteren Datums in einer auf aktuellen Systemen lauffähigen Fassung verfügbar: Mit „Ultima Online“ wird sogar ein Online-Rollenspiel angeboten, das selbst geschlagene 20 Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung noch gespielt werden kann.

Links

   Ergebnisse der VDVC-Umfrage 2016:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.