Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl 2017 – Antworten – E-Sport

E-Sport

Der E-Sport (elektronischer/digitaler Sport) ist bereits seit über zwei Jahrzehnten aus dem Kinderzimmer auf die große Weltbühne entwachsen. Professionelle (Team-)SpielerInnen sind nicht nur auf Südkorea und die Vereinigten Staaten beschränkt. Der Sport formiert sich international und wächst jedes Jahr. Millionen Zuschauer verfolgen über Live-Streams und auch vor Ort ihre Lieblingsteams beim Wettbewerb über Schnelligkeit, Hand-Augen-Koordination, Teamkoordination und Ausdauer. Die Laiensportszene, bestehend aus LAN-Vereinen als Turnierveranstaltern und kleinen E-Sport-Teams (Clans) war in Deutschland lange Zeit führend, konnte dem schnellen Erfolg im Profisegment jedoch nicht folgen und kann daher organisatorisch mittlerweile als vergleichsweise unterentwickelt angesehen werden.

Wie beurteilt Ihre Partei diese Entwicklung im Allgemeinen?
Wie beurteilt Ihre Partei eine mögliche Anerkennung der Gemeinnützigkeit der Akteure des E-Sports?
Sollten Ihrer Parteimeinung nach kleinere Akteure des E-Sports als Sportart Anerkennung und Förderung finden und wie würde Ihre Partei dies unterstützen?

Union: CDU und CSU begrüßen die Entwicklung des E-Sports. Die Entwicklung der Spieler–, Organisations– und Zuschauerzahlen sowie der Altersstruktur im E-Sports-Bereich zeigten deutlich, dass es sich hierbei nicht mehr nur um eine „Nischen-Jugendkultur“ handele, sondern der E-Sport zum weltweiten Massenphänomen geworden ist. Sie wollen seine weitere Entwicklung positiv begleiten, indem sie für geeignete Rahmenbedingungen sorgen.

FDP: Die Freie Demokraten wollen, dass sich Computer- und Videospiele in allen ihren Facetten bestmöglich weiterentwickeln können. Dazu wollen sie durch ein Venture-Capital-Gesetz (auch für andere Branchen) und verbesserte Möglichkeiten zum Crowdfunding sowie durch die Öffnung bestehender Förderprogramme des Bundes die Rahmenbedingungen auch für die Computer- und Videospielindustrie verbessern. Durch eine stärkere Vermittlung von Digital- beziehungsweise Programmierkenntnissen in Schulen und Hochschulen sowie in der Ausbildung kann ihrer Meinung nach außerdem der Fachkräftenachwuchs im Games-Bereich gestärkt werden. Zudem wollen sie auch die Anerkennung des E-Sports als Sport in allen relevanten Dimensionen.

Anmerkung: wie genau die Anerkennung stattfinden soll, wurde nicht erläutert. Die kleineren Akteure (LAN-Vereine) im E-Sport könnten in den ‚relevanten Dimensionen‘ enthalten sein – spezifischer wird die Antwort hier nicht.

Die Grünen: Aus Sicht der Grünen sei es begrüßenswert, dass E-Sportlerinnen und –sportler am Bildschirm ihre Reaktionsfähigkeit und ihr strategisches Geschick trainieren können – Fähigkeiten also, die auch jenseits des Sports nützlich sein können. Es sei der Partei bewusst, dass viele jungen Menschen heute nicht mehr in Sportvereinen Mitglied werden, sondern stattdessen an E-Sport-Wettkämpfen teilnehmen. Sie nähmen diese Entwicklung im Kontext eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses wahr, der dazu geführt hat, dass soziale Interaktion heute zu einem großen Teil medial vermittelt stattfindet. Wenn Freundschaften (durchaus auch reale) über soziale Netzwerke gepflegt würden, so sei es nicht verwunderlich, dass auch Sport über Internet-Plattformen betrieben werde. Daher plädieren die Grünen dafür, eine solche Entwicklung gesellschaftlich zu begleiten.

Um als gemeinnützig anerkannt zu werden, müssten Akteure gemeinnützige Zwecke verfolgen. Die Grünen verweisen auf die Förderung des Sports als gemeinnützige Aktivität. Die Grünen halten es allerdings auch für sachgerecht, dass Akteure, die nur auf wirtschaftlicher Basis arbeiten (Profi-sportclubs, also auch die ESL, International, etc.) als nicht gemeinnützig gesehen werden und auf ihre Gewinne Steuern zahlen müssen, wie andere profitorientierte Unternehmen es auch tun.

Zur Anerkennung von E-Sport und Stärkung der Vielfalt der digitalen Spielekultur im Allgemeinen, wollen die Grünen andere Möglichkeiten zur Unterstützung prüfen, da eine Anerkennung als Sportart nach der Definition des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nicht möglich sei. Als Beispiel führen sie eine erleichterte Visa-Vergabe für die Anreise/Einreise zu internationalen Turnieren an.

Anmerkung: es wurde nicht weiter ausgeführt, wie die genannte ‚gesellschaftliche Begleitung‘ aussehen soll. Tatsächlich ist es schwierig, an der DOSB-Sportdefinition vorbeizukommen. Schach ist nur deshalb Sport, weil der Schachverband den DOSB mitbegründet hat, der Motorsport musste sich durch die Instanzen klagen, um gemeinnützige Strukturen aufbauen zu können. Vor dem Hintergrund klingt eine Förderung außerhalb des Sportbegriffs verlockend, allerdings führen die Grünen nicht aus, ob dies nach Abgabenordnung überhaupt möglich ist. Neben einer strukturellen Unterstützung des E-Sports, ist der finanzielle Bereich natürlich ebenso wichtig. Gesellschaftlich-politische Fürsprache, wie es die Grünen durchklingen lassen, könnte der E-Sport ebenfalls – auch noch nach dem Wahlkampf – gut gebrauchen.

PIRATEN: Die PIRATEN bedauern, dass die positiven Entwicklungen in der Anfangszeit des E-Sports in Deutschland nicht zuletzt aufgrund mangelnder Unterstützung aus der Politik den internationalen Stellenwert nicht erweitern oder zumindest halten konnte, den er hatte. Dies möchten sie auf nationaler Ebene ändern. Dies bedeute auch die Aufnahme von elektronischem Sport in § 52 Abgabenordnung (Gemeinnützige Zwecke), womit E-Sport-Vereine anderen Sportvereinen gleichgestellt sind. Die PIRATEN unterstützen eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema E-Sport ohne Vorurteile (Stichwort Killerspiele) und eine verstärkte Aufklärung an Schulen und in der Öffentlichkeit über Gefahren von Computerspielen, jedoch auch über Strukturen, Möglichkeiten und Chancen von Computerspielen/E-Sport.
Die PIRATEN fordern für den E-Sport die Anerkennung und Förderung der ehrenamtlichen Arbeit, beispielsweise für Trainer oder Medienpädagogen, sowie die Schaffung eines Kompetenzzentrums/einer Anlaufstelle E-Sport als Ansprechpartner für öffentliche Institutionen, den Bildungssektor und Akteure des E-Sports. Diese soll nicht nur dazu dienen, um eine zentrale Anlaufstelle für Fragen der Gesellschaft zu sein, sondern auch, um die Beteiligten zu vernetzen, so dass sich eine ähnlich professionelle Spielkultur ausbilden kann, wie dies in anderen Sportarten der Fall ist.
Die PIRATEN unterstützen die Förderung der wissenschaftlichen Arbeit über Computerspiele und E-Sport als Sport, um den Sport auf angemessene Weise weiterentwickeln zu können, sowie die Förderung der Ausbildung von ehrenamtlichen Trainern im E-Sport. „Denn wir betrachten Kultur als pluralistisches, partizipatives Gut, das durch Zusammenarbeit und vielfältige und gleichberechtigte Einflüsse entsteht. Zudem sind wir der Meinung, dass das Internet und die zunehmende Virtualisierung den Möglichkeitsraum der kulturellen Erfahrung erweitern. Computer- und Videospiele passen somit – insbesondere da sie andere Kulturelemente wie Film, Literatur, Musik und Bilder in sich vereinen – vollständig in unser Kulturverständnis und sind heutzutage ein wichtiger und gleichberechtigter Teil der Medienkultur.
Die PIRATEN möchten eine ähnliche Förderung für Spiele wie für Filme aufbauen, ohne bestimmte Genres von vornherein auszuschließen.

Die PIRATEN sehen eine Anerkennung der Gemeinnützigkeit des E-Sports als sehr positiv vor allem für die Organisationskultur. E-Sport verdiene die gleiche gesellschaftliche Wertschätzung und Akzeptanz, die auch andere Sportarten in Deutschland erfahren. Daher sei es notwendig, dass sich die Politik umgehend für die umfassende Anerkennung des E-Sports im Sinne der steuerrechtlichen Bewertung und sportpolitischen Förderung einsetze.

Um die Rahmenbedingungen für die vielen Aktiven im E-Sport weiterzuentwickeln, sei es ein guter Grund, die Sportart offiziell anzuerkennen, wie es in Ländern wie Frankreich und den USA längst der Fall ist. Es wäre parallel z.B. möglich, öffentliche Spielstationen mit kostenlosem Internet auszustatten. Damit könnten Alt und Jung mit ihren mobilen Geräten ins Internet, um vor Ort und weltweit mit anderen zu spielen. Auch Stadtbibliotheken und Schulen könnten entsprechende Möglichkeiten bereitstellen. Kulturförderung ist in Deutschland vor allem Aufgabe der Länder. Die Landesverbände der PIRATEN setzten sich daher dafür ein, dass Computerspiele ein selbstverständlicher Teil der staatlichen Kulturförderung werden, wie es auch bereits bei klassischen Medien der Fall ist.

SPD:Die SPD erkennt die wachsende Beudeutung des E-Sport an. Sie will mit den beteiligten Akteuren prüfen, wie sich die Rahmenbedingungen für den E-Sport verbessern lassen.

DiB:Als sehr junge Partei (gegründet im April 2017) haben sie noch nicht viele ausgearbeitete Positionen, stehen dem E-Sport aber positiv gegenüber. Eine Anerkennung ist jedoch noch nicht Bestandteil ihres Wahlprogramms. Sie wünschen sich Initiativbewegungen von neuen Mitgliedern, um genau solche Punkte auszuformulieren. Dies gilt für alle weiteren Fragen.

Allgemeine Anmerkungen:

  • Die Antworten der Parteien wurden für diese Übersicht redaktionell überarbeitet (z. B. indirekte Rede, Auslassung von Platitüden), die unveränderten Antworten finden sich im Wiki des VDVC (Übersicht unten). Die Exzerpte der Wahlprogramme sind hier zu finden.
  • Die Aussagen der Parteien auf der GamesCom – besonders die der Kanzlerin – wurde nicht mitbetrachtet, da sie keine verbindlichen Aussagen zur geplanten Politik sind. Auch die Wahlprogramme und Antworten auf Fragen zum Wahlprogramm sind streng genommen keine Versprechen, sondern Absichtserklärungen, die in entsprechenden Kompromissen zu Koalitionsverhandlungen nach dem Wahlkampf aufgehen und dabei verändert werden.
  • Einige Parteien haben auf die Fragen zu einem Thema jeweils gesammelt geantwortet. Aus Gründen der Übersichtlichkeit, haben wir uns entschlossen, die Antworten auch bei diesen zusammenhängend mit dem jeweiligen Fragekomplex darzustellen.
  • Der ursprüngliche Code zur Formatierung der Antworten (Farben der Parteien, etc.) stammt von den Wahlprüfsteinen der Free Software Foundation Europe.
  • Die Weitergebe dieses Artikels (auch Auszügen daraus) ist unter Nennung des VDVC gemäß CC-by-nd möglich.

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