Zensur-Jahresrückblick 2017

Die Zahlen in der Übersicht

Die Zahlen in der Übersicht: Schwarz steht für bundesweit beschlagnahmte Spiele. Dunkelgrau bezeichnet solche, bei denen die Bundesprüfstelle eine Beschlagnahme für angemessen hält. Bisher hat für diese jedoch kein Gericht eine Beschlagnahme angeordnet hat. Als jugendgefährdend indizierte Titel werden rot dargestellt. Hellgrau sind Titel, die in Deutschland nicht offiziell eingestuft sind (“ohne Rating”). Letztere können noch indiziert oder beschlagnahmt werden. Grün markiert Spiele mit USK-Freigabe, die also in Deutschland frei erhältlich sind. Bei hellgrünen Titeln mussten hierfür Schnitte vorgenommen werden. (Titel mit Selbstzensur, um eine niedrigere Freigabe zu erhalten, sind nicht aufgeführt.)

Der VDVC erfasst jährlich in welchem Umfang in Deutschland Videospiele nicht oder nur nach Änderungen offen verkauft werden dürfen. Berücksichtigt werden hierbei alle Spiele, die sich aufgrund enthaltener Gewaltdarstellungen nur an ein erwachsenes Publikum richten.[1] Auch für das Jahr 2017 haben wir die durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) durchgeführten Entscheidungen, die durch den ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden (OLJB) erfolgten USK-Kennzeichnungen sowie die uns anderweitig bekannt gewordenen Videospiele berücksichtigt. Da es kein allgemeines Register für veröffentlichte Videospiele gibt, sind wir hier auch auf eure Mithilfe angewiesen: Sofern ihr 2017 veröffentlichte Videospiele kennt, die – aufgrund von enthaltenen Gewaltdarstellungen – mindestens eine USK-Kennzeichnung „ab 18“ verdienen würden, weist uns bitte hier in den Kommentaren oder im VDVC-Forum auf diese hin.

Alle 2017er-Titel mit USK-Kennzeichnung

Wie bereits der Eintrag zu 2014 müsste auch der für 2017 Nicht-Zensur-Jahresrückblick heißen: Bisher wurde keines der in diesem Jahr veröffentlichten Spiele indiziert. Darüber hinaus haben auch alle von uns erfassten Titel eine USK-Kennzeichung durch den ständigen Vertreter der OLJB erhalten, so dass deren Indizierung nur noch in Ausnahmefällen möglich ist. Über die Ursache hierfür kann nur spekuliert werden. Während die einen möglicherweise vermuten, dass die OLJB den Entwicklern mehr durchgehen lassen, könnte andererseits genauso gut vermutet werden, dass die Entwickler sich zurückgenommen haben. Zumindest hat es den Anschein, als ob die Publisher selbstbewusster werden: Dem Spiel “Friday the 13th: The Game” wurde noch in ersten Instanz die Kennzeichnung verwehrt, die aber in der zweiten vorgenommen wurde. Hierbei blieb es auch, nachdem das Appellationsverfahren wegen des Vetos einer Landesregierung durchgeführt wurde.

Ähnliches ist es bei der erst Anfang 2017 bekannt gewordenen Einstufung von “Dead Rising 4” gewesen: Auch hier wurde im Appellationsverfahren die Erteilung der Kennzeichnung “USK 18” bestätigt. Der Entwickler Capcom hat dabei noch größere Pläne und versucht auch das Verbot von “Dead Rising” aufzuheben. Nach der Aufhebung eines Beschlagnahmebeschlusses des Amtsgerichts Hamburgs für die EU- und UK-Fassungen (AG Hamburg, Beschl. v. 11.06.2007 – 167 Gs 551/07) am 23.10.2017 wurde der Titel von der BPjM zwischenzeitlich sogar vorschnell in den Listenteil A umgetragen, da eine zuvor nicht bekannte Beschlagnahme durch das Amtsgericht Duisburg dem noch entgegensteht. So kam es im Dezember 2017 zur Umtragung zurück in den Listenteil B.

Indizierungen und Beschlagnahmen

Die BPjM und Gerichte sind dabei 2017 nicht untätig geworden, doch die Entscheidungen betrafen (noch) keine erst 2017 veröffentlichten Titel. Es gab im Jahr 2017 insgesamt vier Indizierungen, wobei ein Spiel schon indiziert und zwei schon beschlagnahmt waren. “Neu” indiziert ist damit allein das 2016 veröffentlichte Spiel “Carmageddon – Max Damage”. Darüber hinaus gab es durch Gerichte drei Beschlagnahmen von Videospielen, wobei diese alle ausnahmslos bereits beschlagnahmte Titel betrafen und keines von diesen 2017 erschienen ist. Ein Novum ist dabei die Beschlagnahme von einem bei Youtube hochgeladenen “Hatred”-Walktrough durch das Amtsgericht Tiergarten (AG Tiergarten, Beschl. v. 07.12.2016, (353 Gs) 284 AR 55/16 (5820/16)).

Durch die Entscheidungen der jeweiligen Institutionen hat sich auch unser Jahresrückblick für 2016 überholt. Während wir mit “Postal Redux”, “Carmageddon – Max Damage” und “Dead Rising 4” noch drei Titel als “ohne Rating” geführt hatten, hat “Dead Rising 4” mittlerweile die bereits erwähnte “USK 18”-Kennzeichnung erhalten, während “Carmageddon – Max Damage” nach der Indizierung in den Listenteil B eingetragen wurde.

Den erwähnten vier Indizierungen – wobei allein eine eine echte “Neudindizierung” ist – stehen dabei 25 Titel gegenüber, die vom Index gestrichen worden sind. Dazu zählen unter anderem die Spiele “Bulletstorm”, “Crackdown”, “Crackdown 2”, “Duke Nukem 3D”, “Duke Nukem 3D: Plutonium Pak”, “Gears of War 2”, “Half-Life”, “Half-Life 1: Source”, “Half-Life 2 (Collector’s Edition)”, “Painkiller: Battle out of Hell”, “Painkiller: Hell Wars”, “Red Faction II” und “Red Faction: Guerrilla”. Dies führt – wie “for UNCUT!” berichtet – dazu, dass auf Steam nunmehr erstmalig Nutzern aus Deutschland die ungeschnittenen Fassungen von der “Orange Box”, “Counter-Strike („1.6“)”, “Counter-Strike: Condition Zero”, “Team Fortress Classic” sowie “Half-Life 1: Source” angeboten werden.

Verfassungsbeschwerde: “Annahmevoraussetzungen […] liegen nicht vor”

Ebenfalls ins Jahr 2017 fiel die Entscheidung zu unserer Verfassungsbeschwerde über den § 131 StGB (Gewaltdarstellung). Gemeinsam mit weiteren Beteiligten hat der Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC) am 17.12.2015 Verfassungsbeschwerde gegen den den Artikel 1 Nr. 7 Buchstabe a) des 49. Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches eingelegt. Durch dieses Gesetz wurde das bestehende Verbot verschärft. Die gravierendste Änderung war hierbei, dass der § 131 StGB um eine Versuchsstrafbarkeit ergänzt wurde: Während in der bis zum 27.01.2015 geltenden Fassung derjenige, der beispielsweise das beschlagnahmte „Left for Dead 2“ über „Steam Broadcasting“ öffentlich übertrug erst dann bestraft werden konnte, wenn er mindestens einen Zuschauer hat, ist das Streamen seit dem 27.01.2015 auch dann erfasst, wenn keine einzige Person zuschaut. Diese Verfassungsbeschwerde hat das Bundesverfassungsgericht mit Beschluss vom 01.02.2017 nicht zur Entscheidung angenommen, weil nicht ausreichend dargelegt sei, “inwieweit die Beschwerdeführer konkret von der angegriffenen Regelung betroffen sein könnten”. Mit den Bedenken gegen die Verfassungsmäßigkeit des § 131 StGB braucht sich das Bundesverfassungsgericht daher nicht auseinanderzusetzen. Wir hatten unter anderem vorgebracht, dass die Vorschrift aufgrund des Fehlens einer Kunstklausel bereits formell verfassungswidrig und weder eine schädliche Wirkung der Nutzung noch eine Zunahme der Kriminalität durch die Nutzung von Videospielen belegt sei.

Links

  1. [1]Verfassungsfeindliche Symbole in Videospielen fallen vermutlich meist unter die Freiheit der Kunst. Ihre Entfernung ist also als als freiwillige Selbstzensur zu zählen und taucht schon deshalb nicht in der Statistik auf. Der Aufwand einer Erfassung sexueller Inhalte ist uns aktuell zu groß.

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