Sozialadäquanz bei der USK: Mit dem Testballon zum Ziel?

In der letzten Woche hat die USK überraschend bekannt gegeben, künftig die mögliche Sozialadäquanz von Spielen zu berücksichtigen. Dafür verantwortlich sind die Obersten Landesjugendbehörden, die der USK Ihre Regeln vorgeben und schlussendlich die Freigaben erteilen. Diese hatten bisher die Rechtsauffassung vertreten, Videospiele könnten in keinem Fall der Kunst oder Bildung dienen. Als Ursache nennt die USK-Vorsitzende Elisabeth Secker dem Deutschlandfunk die langanhaltenden öffentlichen Diskussionen, zuletzt um Wolfenstein II und Attentat 1942. Anlass, dass die Entscheidung gerade jetzt gefallen ist, war aber die Entscheidung der Staatsanwaltschaft Stuttgart zum Spiel Bundesfighter II: Wie im Mai durch uns bekannt wurde, hatte diese dem Spiel klar attestiert, eindeutig unter die Kunstfreiheit zu fallen.

Sozialadäquanz-Prüfung: USK-Antragsformular will Hinweise

Neue Formulierung im USK-Antragsformular: Bisher waren Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verboten.

Wir freuen uns sehr über diese Einsicht, die uns schlussendlich doch sehr überrascht hat. Auf unserer letzten Mitgliederversammlung hatten wir noch diskutiert, die USK zu verklagen und so zu ihrem Glück zu zwingen. Weil die Anzeige gegen den Bundesfighter gereicht hat, müssen wir diese Plan jetzt zum Glück nicht mehr umsetzen. Bei den Artikeln zur neuen Auffassung der USK sind uns aber einige Dinge aufgefallen, die wir noch kommentieren möchten:

Kommen künftig alle Spiele „uncut“?

Die USK selbst betont stets, dass in Einzelfallentscheidungen überprüft werden muss, was den Segen der Jugendschützer bekommt. Diese Aussage ist natürlich sehr unbefriedigend. Daher hier eine Prognose, was künftig möglich sein könnte: Spiele wie Wolfenstein II und Attentat 1942 wurden schon mehrfach als Beispiele für gegebene Sozialadäquanz genannt, dürften also künftig freigegeben werden. Vermutlich hat Ubisoft auch South Park: Der Stab der Wahrheit ohne Grund zurückgerufen, ist die Satire doch recht offensichtlich. Multiplayer-Shoter wie Battlefield oder Call of Duty und Strategiespiele dürften es hingegen weiter schwer haben — selbst wenn sie historisch akkurat daherkommen wie ein Hearts of Iron 4: In diesen Spielen kann man in die Rolle von Nazis schlüpfen, ohne dass ein kritischer Kontext hergestellt wird. Die Gefahr, dass Spieler sich mit Nazis identifizieren, gilt als Jugendgefährdung, sodass keine Freigabe (auch nicht ab 18!) erteilt werden dürfte.

Was hat sich an der Rechtslage geändert?

Eigentlich ist die Rechtslage unverändert. Auch wenn sehr viele Artiken das Gegenteil suggerieren: Hakenkreuze durften auch bisher straffrei in Spielen gezeigt werden. Neu ist die Möglichkeit, sich die Unbedenklichkeit von der USK bestätigen zu lassen und so eine spätere Indizierung auszuschließen.

Können zuvor indizierte Spiele jetzt doch noch veröffentlicht werden?

Die Nutzung verfassungsfeindlicher Symbole war noch nie ein Indizierungskriterium. Zwar gilt eine nicht erfolgte USK-Freigabe oftmals als gleichbedeutend mit einer Indizierung, doch die BPjM-Vorsitzende Petra Meier hat uns gegenüber betont, es habe bisher keine Indizierung (nur) wegen Darstellung von Hakenkreuzen gegeben. Entscheidend sei immer nur die Jugendgefährdung. Dass in Deutschland bisher nicht veröffentlicht wurde, war meist freiwillige Entscheidung der Publisher, um kein Risiko einzugehen. So steht das oft zitierte Wolfenstein II zum Beispiel auch in der ungeschnittenen Version nicht auf dem Index. (Wir haben entfernte Hakenkreuze in unserer Zensurstatistik nie gezählt.)

Sind freigegebene Spiele in jedem Fall legal?

Wenn ein Spiel eine Freigabe von der USK erhält, ist das Spiel höchstwahrscheinlich legal. Allerdings schließt ein USK-Kennzeichen nur eine Indizierung aus. Eines macht jedoch Mut, dass die Sozialadäquanz-Einschätzungen stimmen werden: Nicht nur für Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen können weiter strafbar sein. Auch verbotene Gewaltverherrlichung könnte ein Spiel trotz USK-Freigabe enthalten. Seit 2003 jedoch, seit die USK-Entscheidungen verbindlich sind, ist dies noch nicht vorgekommen.

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