Netzneutralität: Online-Gaming adé?

Vor wenigen Tagen hat das EU-Parlament eine Regelung zur Netzneutralität beschlossen (heute.de) und beschloss, dass es zwar alle Daten im Netz gleich behandelt werden sollen, es aber gleichzeitig auch sogenannte Spezialdienste geben soll, die von dieser Bestimmung ausgenommen werden sollen. Telekommunikationsanbietern soll es gestattet sein eben jene Spezialdienste gesondert – schneller – durch ihre Leitungen zu leiten, damit diese schnell und störungsfrei an ihr Ziel kommen. In der öffentlichen Diskussion wurden immer Dinge wie Telemedizin, oder zukünftige Verkehrssteuerungssysteme als etwaige Beispiele für solch Spezialdienste benannt. Für diese genannten Dienste mag man vielleicht zustimmen und sagen, dass hier eine Ungleichbehandlung der Daten womöglich Sinn ergibt, da es hier im Zweifelsfall um Leben und Tod gehen kann. Leider ist im Gesetzestext nicht weiter definiert worden, was Spezialdienste eigentlich sein sollen. Der zweite Punkt ist, dass sich die Telekommunikationsanbieter den gesonderten Transport solcher Daten natürlich bezahlen lassen wollen. Weiterlesen

Statement: Spielen hat kein Geschlecht

In den letzten Monaten wurde deutlich, dass es unter Computer- und Videospielern scheinbar Menschen gibt, die es scheinbar als Angriff wahrnehmen, wenn Frauen Spiele spielen, über diese berichten, oder sie kritisieren. Deutlich wurde dies etwa durch die Angriffe männlicher Spieler auf Anita Sarkeesian und ihre Feminist Frequency-Videos, die in der kurzzeitigen Entfernung eines Videos auf YouTube gipfelten.

Seit einigen Tagen scheint eine Kontroverse um die Sendung Game One und deren YouTube-Format Rocket Beans TV zu geben. Diese hatte auf ihrer Webseite eine Stelle explizit für eine Moderatorin ausgeschrieben mit der Begründung, dass sie „nämlich endlich mal der Realität Rechnung tragen [wollen], dass Games, Serien, Comics, Filme und der ganze übrige Nerd-Kram längst keine reinen Männer-Themen mehr sind.“
Diese Entscheidung wird wohl von einigen männlichen Personen abgelehnt, die im Kommentarbereich, und anderswo im Internet, dagegen vorgehen.

Solche Verhaltensweisen von Spielern lehnen wir als Verband kategorisch ab und heißen sie auch nicht gut. Egal wie man etwa zu den Thesen von Frau Sarkeesian stehen mag, so sollte man sich auf eine zivile und vor allem erwachsene Weise mit ihnen auseinandersetzen. Auch mag einem die Stellenausschreibung von Rocket Beans nicht passen, doch auch hier sind Beleidigungen fehl am Platze.

Wir als Verband unterstützen sowohl Anita Sarkeesian, als auch Rocket Beans bei ihren Projekten, da sie letztendlich das Ziel verfolgen, Frauen sichtbarer zu machen. Tatsächlich ist es so, dass Frauen in Spielen unterrepräsentiert sind. Viele Spiele haben nur einen männlichen Protagonisten, ohne dass man etwa alternativ einen weiblichen aussuchen darf. Auch gehen die Rollen von weiblichen Charakteren in Spielen selten über das zu rettende Spielziel hinaus.

Aber auch in den Medien, die über Spiele berichten, kommen Frauen nur selten vor, auch wenn viele von ihnen etwa im Hintergrund an den Formaten mitarbeiten. Das finden wir schade, denn wie Rocket Beans richtig feststellt, sind Frauen Teil der Games-, Serien-, Comics-, Film- und Nerdkultur. Es ist somit auch ihr Recht in den Medien entsprechend repräsentiert zu werden, wie es ein nachvollziehbares Anliegen von Rocket Beans ist, explizit weibliche Moderatoren zu suchen.

Spielen kennt kein Geschlecht. Beim Spielen geht es um Spaß, um das Eintauchen in andere Welten, um spannende Geschichten und darum, mit Freunden oder auch völlig Fremden eine gute Zeit zu erleben. Einige Spiele können sogar zum Nachdenken anregen. Es ist dabei egal woher man kommt, welche Hautfarbe man hat, welches Geschlecht man hat und zu welchem man sich hingezogen fühlt. Denn letztendlich kann uns dies nur bereichern. Und je mehr Menschen Teil unserer Kultur sind, sie verstehen und sie nach Außen tragen, desto weiter kommen wir bei den echten Kontroversen, den Gewalt- und Suchtdebatten, sowie die Anerkennung als Kulturgut.

Urheberrechtsdialog am 9.6.

Der VDVC wird am Samstag, den 9.6., am Urheberrechtsdialog der Piratenpartei teilnehmen. Hierbei versuchen wir die Sicht der Video- und Computerspieler in die Diskussion einzubringen. Eine vorläufe Position findet man in unserem Wiki. Ein Stream der Veranstaltung wird über Piratorama erfolgen.

Demonstration am 25.2.: Erneuter Protestaufruf gegen ACTA

Kurzfassung:
Am Samstag den 11. Februar fand die erste Europaweite Demonstrantion gegen das ACTA-Abkommen statt. Unsere Justizministerin hat bereits einen Tag zuvor bekanntgegeben, dass sie den Vertrag vorerst nicht unterzeichnet. Wie Heise berichtet (heise-online 13.02.), hält die Regierung allerdings weiter an dem Abkommen fest, 22 Länder in der EU haben bereits unterzeichnet und am 1. März soll eine Anhörung im EU-Parlament stattfinden. ACTA wird zwangsläufig große Auswirkung auf unser zukünftiges Leben haben, da es eine Richtungsentscheidung ist, welche sich nicht mehr so leicht umkehren lässt. Deswegen sind für den kommenden Samstag, dem 25. Februar, weitere Proteste in Deutschland und Europa geplant. Eine Liste der Städte gibt es hier bei stopacta-protest.info.

Langfassung:
Zur letzten Anti-ACTA-Demonstration am 11. Februar sind deutschlandweit über 100.000 Menschen auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten nicht, wie einige Kommentatoren in den Medien behaupteten, für dass illegale kopieren von Information, sondern richtete sich vor allem gegen die durch ACTA vermeintlich eingeführten Maßnahmen wie Netzsperren und das sogenannte “Three-Strikes-Modell”. Sie sahen ihre Freiheit bedroht, welche sie auch im Netz selbstverständlich ausleben wollten. Von den Medienunternehmen wurden die Demonstrationen mit Ablehnung zur Kenntnis genommen. Sie bezeichneten sie sogar als “koordinierte Attacken auf demokratische Institutionen” (Netzpolitik.org 14.02.).
Zugegeben: in der endgültigen Fassung des Vertrages stehen solche Methoden nicht (mehr) drin, dennoch hat ACTA weitreichende Auswirkungen auf unseren Alltag. Denn mit ACTA wäre es möglich das Surfverhalten der Internetnutzer zu überwachen, die sich dagegen kaum wehren können, weil der Vertrag einzig aus der Sicht der Rechteinhaber verfasst wurde. Rechte der Nutzer bzw. ein Rechtsschutz gegen die durch ACTA ermöglichten Methoden sind im Vertrag nicht vorgesehen (Netzpolitik.org 16.02.)

In der Debatte um ACTA wird dabei immer wieder darauf verwiesen, dass es um den Schutz des Urheberrechtes und von “geistigem Eigentum” ginge. Da aber diejenigen, die sich am stärksten für ACTA einsetzen nicht die Urheber sondern die Rechteinhaber, also die Verwerter sind, kann man zurecht sagen, dass es bei ACTA weniger um Urheber- als um Verwerterrechte geht (Deutschlandradio 20.02.). Durch den schwammigen Vertragstext sind die Auswirkungen von ACTA nur schwer vorauszusagen. Mit Sicherheit lässt sich allerdings sagen, dass durch dieses Vertragswerk die “private Zusammenarbeit” zwischen Rechteinhabern und Internetanbietern gefördert werden soll. Zudem gehen viele Beobachter davon aus, dass es geheime Zusatzprotokolle geben muss, in denen genauere Angaben zu angepeilten Methoden stehen. Hiervon geht sogar der derzeitige Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz aus, der wie auch viele andere die generelle Intransparenz von ACTA kritisiert (Bericht aus Berlin 12.02.).
Die Gefahren von ACTA lauern also eher unter der Oberfläche. Es enthält per se keine drakonischen Strafen für Urheberrechtsverletzer, fördert allerdings einen rigiden Umgang. Auch ist nicht davon auszugehen, dass mit ACTA nicht doch zu Gesetzesverschärfungen kommen kann. Zum einen zementiert ACTA das bestehende Urheberrecht, so dass eine Reformirrung deutlich erschwert wird. Zum anderen befürchten einige, dass sich die schon erwähnten Netzsperren und andere Methoden zur Not durch ACTA begründen lassen würden, und sie so doch eingeführt werden könnten. Dies ist insofern plausibel, da diese Ideen durchaus derzeit Diskutiert werden, wie eine kürzlich vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie zeigt (Netzpolitik.org 3.02.).

Was für Auswirkungen ACTA für uns Video- und Computerspieler haben könnte haben wir schon bei unserem letzten Protestaufruf geschildert. Wir sind jedoch auch der Meinung, dass man aber nicht den Blick aufs große Ganze dabei verlieren sollte. ACTA ist ein einseitig verfasster, intransparenter und unausgewogener Vertrag, welcher, wenn er Ratifiziert werden würde, die Debatte um das Urheberrecht auf Jahrzehnte hinaus bestimmen würde. Deshalb Rufen wir auch dieses mal dazu auf, dass ihr euch am 25. Februar zu einer der deutschlandweiten Demonstrationen geht.

Weiterführende Links:

Gamer protestieren gegen EA,
EULA-Änderung nur Makulatur

Mit dem Erscheinen von Battlefield 3 mussten viele Benutzer feststellen, dass zum Starten des Spiels das Zusatzprogrammm „Orgin“ benötigt wird. Dieses Programm greift gemäß Endbenutzer-Lizenzvertrag (End User License Agreement, EULA) massiv in die Rechte des Verbrauchers ein. Letztenendes holt sich der Benutzer eine Spionagesoftware auf seinen PC, welche die unterschiedlichsten Daten sammelt und an EA zurücksendet. So wird z.B. der komplette Inhalt der Festplatten erfasst und es werden ungefragt Lizenzen von EA-Produkten geprüft. Zudem behält sich EA vor, die gesammelten Daten u.a. „für Marketingzwecke“ an „seine Partner“ weiter zu geben. Die Datensammlung umfasst etwa IP-Adressen, Nutzungsdaten, sämtliche auf dem Computer installierte Software sowie deren Nutzung und vorhandene Hardware inklusive Peripherie wie Drucker. Dies alles geschieht aber auch schon bevor der Benutzer irgend etwas zugestimmt hat, den Orgin spioniert bereits während der Installation den Rechner aus.

Danneben hat das neue Verfahren auch einige Seiteneffekte. Nebst den üblichen Schwieigkeiten sich bei den Aktivierungsservern anzumelden (wie zuletzt bei Ubisoft), melden Spieler, dass ältere EA-Produkte nichtmehr funktionieren, sofern sie online erworden wurden. Dies umfasst alle vor dem September 2009 gekauften Spiele. Sofern man also nicht über einen zuvor erworbenen Datenträger verfügt, sind diese Spiele für den Kunden nichtmehr nutzbar. EA hat das inzwischen bestätigt.

Als diese umfassenden Eingriffe seitens EA bekannt wurden, berichteten unter anderem Spiegel-Online über den Sachverhalt. Das Thema schlug schnell größere Wellen. Dies veranlasste EA laut Informationen des Magazins Gamestar letztendlich die Orgin-EULA abzuändern. Dieses Manöver scheint allerdings vor allem Makulatur zu sein, denn die wirklich brisanten Stellen sind auch weiterhin noch enthalten. So wurde der Text insgesamt freundlicher formuliert und die Anrede des Nutzers von „du“ auf „Sie“ korrigiert. Zudem findet der Kunde nun eine detaillierte Anleitung, wie er sich im Falle eines Streits nach Auffassung des Publisher zu verhalten hat. Einzig die Anmaßung die Kommunikation des Nutzers zu überwachen und jegliche Information zu veröffentlichen, wenn es „EA für nötig hält“, um die eigenen Interessen zu schützen, wurde fallen gelassen. Überwacht wird aber weiterhin.

Datenschützer und Verbraucher laufen gegen diese Eingriffe in das Nutzungsverhalten und die Privatsspähre der Spieler Sturm. So häufen sich negative Bewertungen beim Onlineshop Amazon, eine Petition fordert gar das komplette Verkaufsverbot des Spiels – und zwar so lange bis sich der Publisher an geltendes Recht hält. Namenhafte Akteure des eSport arbeiten zur Zeit zusammen mit uns an einem offenen Brief, der die Meinung der Spieler auf den Punkt bringt, und EA endlich zu einer Stellungnahme bewegen soll. Da viele Nutzer nach dem Kauf eine negative Überraschung erleben mussten, sieht der VDVC zudem seine schon länger bestehende Forderung nach mehr Transparenz in Vertragstexten bestätigt und wird nun mit neuem Elan für dessen Umsetzung arbeiten. Um auch denen zu helfen, die bereits von der Spionage-Offensive betroffen sind, haben wir ein Musterschrieben vorbereitet. Dieses lässt sich nutzen, um von EA Auskunft (gemäß Bundesdatenschutzgesetz) verlangen, welche Daten sie über einen gespeichert haben.

Gewalttabu beim Deutschen Computerspielpreis

Man hätte ihn fast verschlafen können, den Deutschen Computerspielpreis, da einem im Vorfeld nur wenige Meldungen erreichten, die ihn in der Sache ankündigten. Die Tatsache, dass er überhaupt vor einigen Tagen stattfand, nahmen viele wohl erst wahr, als sich die ersten Kommentare und Presseberichte erschienen, welche über den Skandal bei den Nominierungen berichteten.

„Für den deutschen Filmpreis ist dieses Jahr unter anderem der Baader-Meinhof-Komplex nominiert. Hätte ein Entwicklerstudio die RAF-Ballerorgie aus dem Hause Eichinger als Computerspiel umgesetzt, es hätte beim deutschen Computerspielpreis keine Chance gehabt. […] Spiele mit einer Altersfreigabe ab 16 oder 18 Jahren fanden sich in keiner der preiswürdigen Kategorien. Dem Thema Gewaltspiel gingen die Veranstalter somit trotz aktueller Diskussion um das Verbot von Killerspielen weitestgehend aus dem Weg“

So schrieb Mirjam Hauck (Sueddeutsche.de) 2009 über den ersten Deutschen Computerspielpreis, welcher in München stattfand. Fairerweise muss man sagen, dass es damals nicht sonderlich viele Titel jenseits der USK 12 zur Auswahl gab, die man hätte nominieren und küren können. Allerdings hatte man sich in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ von der Fachjury „Grand Theft Auto IV“ gewünscht. „GTA IV“ wäre wegen seiner spannend inszenierten Geschichte, welche nicht mit Seitenhieben und Referenzen auf die Gesellschaft der USA geizt, ein würdiger Kandidat gewesen. Leider ist dieses Spiel auch ab 18, da wiederum die Art wie sich das Spiel inszeniert nichts für Kinder ist. Somit konnte man die Hauptjury, welche hauptsächlich aus Politikern und Pädagogen besteht, von dem Spiel nicht überzeugen. Stattdessen wurde „Little Big Planet“ und „Wii-Fit“ ausgezeichnet, zwei besonders kinder- und familienfreundliche Spiele, und man konnte ahnen in welche Richtung der Preis in Zukunft tendieren würde.

„Im nächsten Jahr wird der Deutsche Computerspielpreis in Berlin verliehen. Vielleicht hilft die räumliche Nähe zum großen Bruder Filmpreis dabei, alle Facetten der Branche zu würdigen – und nicht nur Kommerz-Kuschel-Pädagogik.“

So schloss Frau Hauk ihren Artikel, jedoch sollte sie Unrecht behalten. Waren die Preisträger in diesem Jahr eher unbekannt oder vorhersehbar, wie das durchaus hervorragende Aufbaustrategiespiel Anno 1404, gab es auch in diesem Jahr erneut ein Eklat bei den Nominierten in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“. Auch dieses Mal schlug die Fachjury Spiele vor, welche den Hauptjuroren nicht genehm waren. Bei der diesjährigen Verleihung waren die beiden Titel „Dragen Age: Origins“ und „Unchartet 2“ die auserkorenen, welche dem Preis gewissermaßen seine Credibility zurückbringen sollte. Ersteres Spiel ist eine etwas erwachsener Umsetzung einer Tolkien entlehnten Fantasywelt, während „Unchartet 2“ sich in Punkto Story an die Indiana Jones-Filme und in Punkto Action an die neuen James-Bond-Filme anlehnt. Doch leider waren auch dieses Jahr Spiele, in denen auch nur im Ansatz das Thema Gewaltausübung (durch die Spielfigur und somit den Spieler) dargestellt wird, nicht erwünscht. Dies erscheint nicht sonderlich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in der Hauptjury Personen wie Wolf-Dieter Ring, seines Zeichens Chef der Kommission für Jugendmedienschutz, vertreten sind. Dieser soll angeblich vor ein paar Jahren auf den Münchner Medientagen gesagt haben, dass das ‚gute‘ am Jugendschutz ja sei, dass auch Erwachsene nicht so einfach an die entsprechenden Produkte kommen könnten. „Ring bringt zu den Jury-Sitzungen manchmal eine Assistentin mit, die geringschätzig den Kopf schüttelt, wenn einer der Jüngeren für ein Spiel spricht, in dem auch geschossen wird“, schreibt Thomas Lindemann (Welt.de) in seinem Artikel im Vorfeld der diesjährigen Preisverleihung. Man kann sich also vorstellen welche Spiele hier ausgezeichnet werden und welche eher nicht.

Unter solchen Vorraussetzungen kann das natürlich nichts werden, wenn man die Jury mit Leuten besetzt, welche Computerspiele im besten Fall nur als Produkt für Kinder ansehen und nicht als ausgewachsenes Medium, welches von allen Altersklassen konsumiert und geschätzt wird. Und so kam es wie es kommen musste. Die beiden Vorschlage (zusammen mit der chancenlosen Nominierung des Puzzelspieles „Professor Layton und die Büchse der Pandora“) wurden über Bord geworfen und man beabsichtigte keinen Preis in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ zu vergeben. Das fanden die Branchenvertreter aber gar nicht gut und übten Druck auf die Jury aus, dass wenn sie schon die Hälfte des Preisgeldes bestreiten, man doch wenigstens ihre Titel auszeichnen solle. Dies mag man nun als Lobbyismus auslegen, erscheint einem vor dem Hintergrund, dass für das “Beste internationale Spiel” kein Preisgeld vergeben werden (immerhin gibt es ansonsten insgesamt 500.000€ zu gewinnen) doch eher wie ein Hilferuf, dass man Computerspiele endlich ernst nehmen solle. Letztendlich gewonnen hat Anno 1404 ein zweites Mal — da es kurzerhand unter seinem internationalen Namen „Dawn of Discovery“ nachnominiert wurde.

Dabei hatte man sich diese Jahr vorgenommen es besser zu machen als beim letzten Mal. Die Ausrichter des Preises waren anwesend und auch die Politik (in Form von Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Bürgermeister Klaus Wowereit) war anwesend und nicht so wie im letzten Jahr, als Ministerpräsident Horst Seehofer kurz vor Beginn absagte (er war angeblich lieber auf einer Veranstaltung eines Schützenvereins). Auch wurden im Vorfeld keine provokanten Pressemitteilungen von Politkern veröffentlicht, welche unter dem Eindruck von dem Amoklauf von Winnenden entstanden. Man hatte dieses mal vernünftige Laudatoren organisiert (u.a. die beiden Moderatoren Simon und Budi von MTV GameOne, Schauspieler Matthias Schweighöfer, Sänger Oli P. sowie die Moderatorin der 3sat-Sendung „neues“ Yve Fehring). Doch dies alles kann nicht über den grundlegenden Konflikt innerhalb der Preisvergabepraxis hinwegtäuschen. Eine Jury die nach eigenem Gutdünken, ohne die Spiele zu kennen, über die sie urteilt und sie nach persönlichen Moralvorstellungen aussortiert, ist keine gute Jury.

Erst vor kurzem lobte Staatsminister Neumann den neusten Film von Quentin Tarantino ,„Inglourious Basterds“. Beim Deutschen Computerspielpreis legte Neumann jedoch besonderen Wert darauf, dass die Nominierten „pädagogisch Wertvoll“ seien sollen. Ob Tarantinos Streifen nun ein guter Film ist oder nicht, sei erst einmal dahingestellt, jedoch erscheint es merkwürdig, wenn beim Medium Computerspiel andere Maststäbe angesetzt werden als beim Medium Film. Man kann halt nicht Wasser predigen und dann selber Wein trinken, wenn es gerade opportun ist (auch wenn wir uns alle über den Oscar für Christoph Waltz gefreut haben). Beim nächsten Mal können die Veranstalter zeigen, ob sie etwas aus diesem Jahr gelernt haben. Dann wird die Jury über Titel wie „Heavy Rain“ urteilen, einer der ersten Spiele aus der Kategorie „interaktiver Film“. Sollten jedoch wieder Spiele aussortiert und durch andere ersetzt werden, welche eher der Sauberkeitsvorstellung der Hauptjury entsprechen, ist der Deutsche Computerspielpreis endgültig zur Preisverleihung für Kommerz-Kuschel-Pädagogik verkommen und wird in die Bedeutungslosigkeit abdriften.

Da von der Seite der Politik oder der Jugend- und Sittenwächter so schnell keine Besserung in Sicht ist, sollte man an die Vertreter der Branche und aus der Fachjury appellieren, sie möge sich darüber Gedanken machen, ob sie nicht vorher schon die Notbremse ziehen möchte. Wenn man es bei diesem Preis nicht schafft, dass jedwedes Spiel ausgezeichnet werden kann, sondern das er ein „moralisch unbedenklicher Kinderspielpreis“ bleibt, wird es vielleicht Zeit zu überlegen, ob die dort eingesetzte Energie, Zeit und Gelder nicht an anderer Stelle besser aufgehoben ist. Mehr Akzeptanz von Computer- und Videospielen als eigenständiges Medium und als vollwertiges Kulturgut wird man nämlich nicht erreichen, wenn man sich vor unbequemen Themen verschließt – zumal das bei anderen Preisverleihungen, wie zum Beispiel in der Filmbranche, auch nicht der Fall ist. Solch eine Preisverleihung wie in den vergangenen beiden Jahren ist weder der Branche, der Fachjury, der anwesenden Fachpresse, dem Publikum, den Spielen noch letztendlich den Spielern angemessen.