Zensur-Jahresrückblick 2016

Der VDVC erfasst jährlich, in welchem Umfang in Deutschland Videospiele, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, aufgrund enthaltener Gewaltdarstellungen nicht oder nur nach Änderungen offen verkauft werden dürfen. Auch für das Jahr 2016 haben wir die durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) durchgeführten Entscheidungen, die durch den ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden (OLJB) erfolgten USK-Kennzeichnungen sowie die uns anderweitig bekannt gewordenen Videospiele berücksichtigt. Da es kein allgemeines Register für veröffentlichte Videospiele gibt, sind wir hier auch auf eure Mithilfe angewiesen: Sofern ihr 2016 veröffentlichte Videospiele kennt, die – aufgrund von enthaltenen Gewaltdarstellungen – mindestens eine USK-Kennzeichnung „ab 18“ verdienen würden, würden wir euch bitten, uns auf diese hier in den Kommentaren oder im VDVC-Forum hinzuweisen.

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Schema zur Rechtslage

Die Gesetze, die den Umgang mit gewaltdarstellenden Videospielen regeln, sind „historisch gewachsen“ – mit anderen Worten: Es ist ein beinahe unüberschaubares Chaos mit unterschiedlichen Systematiken und Maßstäben, in dem es zu widersprüchlichen Regelungen und anderen Absonderlichkeiten kommt. Von daher verwundert es nicht, wenn der eine oder andere sich hier nicht mehr zurechtfindet. Um einen groben Überblick zu bieten, hat der VDVC ein „Vereinfachtes Schema für die wegen Gewaltdarstellungen in Videospielen geltenden Restriktionen in Deutschland“ erstellt. Der Punkt der Vereinfachung ist hier tatsächlich ernst gemeint – die Unterscheidung, ob es ein bestimmtes Verhalten bloß gesetzeswidrig, ordnungswidrig oder eine Straftat ist und unter Umständen zum Einschreiten einer Medienaufsicht führen kann, konnte hier nicht immer dargestellt werden – das Schema soll und kann eine Rechtsberatung nicht ersetzen.

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gamescom 2016: Gespräch mit Martina Hannak-Meinke (BPjM)

Im Rahmen des gamescom congresses hat sich Marc mit der Vorsitzenden der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien getroffen und mit ihr über die Erweiterung der Bundesbehörde, Listenstreichungen, zukünftige Entwicklungen und die Bedenken der erwachsenen (PC-) Spielercommunity in Bezug auf die Indizierungspraxis gesprochen. Hier findet Ihr die Zusammenfassung des Gesprächs. Weiterlesen

„Dying Light“ im Schnellverfahren indiziert

(sb.com) Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat im Fall des Videospiels Dying Light eine vorläufige Indizierung angeordnet. Diese Maßnahme nach § 23 Abs. 5 JuSchG kann erfolgen, wenn bis zur „richtigen“ Indizierung eine Verbreitung im großen Umfang zu befürchten ist. Interessant ist hierbei, dass der Titel bloß auf den Listenteil A gesetzt wurde: Demnach ist das Spiel nach Einschätzung der BPjM nicht gemäß § 131 StGB verboten, sondern bloß „jugendgefährdend“. Nichtsdestotrotz gelten sowohl online (§ 4 Abs. 2 Nr. 2 JMStV) als auch offline (§ 15 JuSchG) Vertriebs- und Werbebeschränkungen. Mit der vorläufigen Indizierung von Dying Light dürfte auch abzusehen sein, dass das Spielejahr 2014, in dem kein einziges Videospiel aufgrund von Gewaltdarstellungen indiziert wurde (wir berichteten), vorerst eine Ausnahme bleiben wird. Bei den zuletzt indizierten Neuerscheinungen – dem am 03.11.2013 veröffentlichten Dead Rising 3 und dem am 23.04.2013 veröffentlichten Dead Island: Riptide – handelt es sich ebenfalls um Titel, in denen der Spieler gegen Zombies antritt – ein für Jugendschützer offenbar problematisches Genre.

ZeSta 2014: Eine Zensur findet nicht statt? (Update)

In einer Zensurstatistik, kurz „ZeSta“, fasst der VDVC jährlich zusammen, welche Videospiele in Deutschland aufgrund von Gewaltdarstellungen nicht oder nur in einer entschärften Version veröffentlicht werden durften. Erfasst ist ein Zeitraum von 11 Jahren, in dem 600 Videospiele für ein erwachsenes Publikum veröffentlicht wurden. Diese haben, wenn überhaupt, eine Altersfreigabe „ab 18“ erhalten. Andere wurden gar nicht erst zur Prüfung vorgelegt, sind indiziert oder gar beschlagnahmt. Die einzelne Titel sind dem Jahr zugeordnet, für das der frühste Veröffentlichungstermin ermittelt werden kann – auf den Release in Deutschland kann nicht abgestellt werden, da die BPjM und Gerichte auch solche Titel prüfen können, die offiziell nur im Ausland erschienen sind. Weiterlesen

Minecraft indiziert (Aprilscherz)

Wie aus der aktuellen Ausgabe des Mitteilungsblattes der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM Aktuell) hervor geht, hat die Behörde das beliebte Computerspiel Minecraft mit sofortiger Wirkung indiziert. Aufgrund der als menschenverachtend angesehenen Darstellungen brennender Zombies wurde darüber hinaus die bundesweite Beschlagnahme des Titels angeordnet.

Zombie aus Minecraft

Zu grausam für Deutschland: Brennende Zombies

Mit Minecraft ist nun also das letzte noch erhältliche Spiel verboten worden, in dem brennende Zombies gezeigt werden. Spiele wie Minecraft, die „grausame […] Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen“ zeigen, gelten dem Gesetzgeber zufolge als gefährlich und sind folglich verboten. In besonders schwerwiegenden Fällen wird die Gewaltverherrlichung per Gerichtsbeschluss formell festgestellt. Experten haben schon lange gemutmaßt, wann es bei Minecraft so weit sein wird. Bei Spielen wie Left4Dead oder Dead Island, die ähnlich brutalen Inhalt zeigen, hatte die BPjM rascher reagiert.

In der Begründung heißt es hierzu, die Jugendschützer hätten sich zunächst von der harmlos anmutenden Optik irritieren lassen. Das Spiel sei durch diese „besonders heimtückisch, denn die Lego-Grafik [spreche] besonders kleine Kinder an“. Diese bekämen dann aufgrund der im Spiel nachts und in dunklen Räumen erscheinenden Monster Angst vor der Dunkelheit. Durch die möglicherweise folgenden Schlafstörungen könne die Entwicklung der Spieler nachhaltig gestört werden.

Update (14:57), via Gamer-Passion: Auch führende Innenpolitiker begrüßen die Beschlagnahme. Nach aktuellen Geheimdienstinformationen könne das Spiel von Terroristen zur Kommunikation genutzt werden. Mit den im Spiel vorkommenden Klötzen sei es möglich, das komplette Morsealphabet abzubilden.

Update (2. April): Wie schon festgestellt wurde, handelt es sich bei dieser Nachricht um einen Aprilscherz. Hoffentlich hattet ihr mit der „Nachricht“ genau so viel Spaß wie wir. Danke auch an gamersunity fürs Mitspielen.

Petition für Übernahme der PEGI nach Deutschland

PEGI und USK erteilen Altersfreigaben (unten links im Bild)

Auf dem Server des Deutschen Bundestages läuft zur Zeit eine Petition, welche die Altersfreigaben der PEGI auch in Deutschland verbindlich machen will. So verständlich die Motivation des Initiators ist, übersieht er leider einige wichtige Zusammenhänge. Insgesamt scheinen Text und Forderung leider wenig ausgereift.

Domenico Gentner, der die Petition eingereicht hat, wünscht sich offenbar vor allem, dass Videospiele für Erwachsene zukünftig nicht mehr zensiert werden müssen. Sein Text enthält unter anderem die Forderung, „dass der Bundestag [die] Notwendigkeit der Zensur von Spielen in Deutschland aufheb[t]“. Wie auch im Forum zur Petition schon oft angemerkt wurde, kann man dieses Problem allerdings nicht durch die Einführung der PEGI in Deutschland lösen. Zudem gibt es einige Problematische Forderungen. (Daher befürworten wir diese Petition ausdrücklich nicht.)

Die Petition sieht vor, dass die USK (Wiki) nur noch „als letzte Instanz auf Fälle prüfen [soll,] in denen die Gewaltdarstellung zu weit geht und gegen geltende Gesetze verstößt“. Somit wird zum einen eine Abschaffung der Zensur gefordert, zum anderen aber eine Umwandelung der USK in eine Indizierungsbehörde (Wiki). Die USK soll also künftig Dinge zensieren, die „zu weit gehen“. Momentan macht das die BPjM, und das ist wohl auch der Grund, aus dem diese Petition überhaupt gestartet wurde. Denn in Wirklichkeit ist nicht die USK dafür verantwortlich, dass gewisse Medien nicht im Händlerregal stehen, sondern eben die BPjM. Hieran würde eine Einführung der PEGI (Wiki) nichts ändern. Unter anderem sieht man das daran, dass in der Schweiz seit längerem (trotz des PEGI-Systems) an einem Verbot von „Killergames“ gearbeitet wird.

Weiterhin wird angeregt, Videospiele für Erwachsene in Schmuddelecken („Abgetrennte Bereiche (…) ähnlich wie bei pornographischem Inhalt“) zu verbannen. Solche Bereiche in Geschäften einzurichten, wäre auch heute schon möglich, doch wird aus gutem Grund davon abgesehen. Damit ergäbe sich nämlich eine deutlich schlimmere Situation als momentan. Heute dürfen nur „jugendgefährdende Medien“ nicht in den Regalen liegen, womit sehr viele Titel (alle mit USK18-Symbol) weiterhin normal erhältlich sind. Eine Umsetzung dieses Vorschlags würde also den Druck auf Hersteller erhöhen, Titel für eine einer Freigabe ab 16 zu kürzen. Gleichzeitig würde der Reiz für Kinder erhöht, an die nun mit einem fast mystischen Prädikat versehenen Erwachsenenspiele zu gelangen.

Die Petition möchte, dass eine (zentrale?) Stelle zur Altersprüfung im Internet angelegt wird. Das allerdings wäre eine Aufgabe für die Anbieter selbst, die schon jetzt zum Beispiel das Postident-Verfahren verwenden können. Selbst eine Identifikation mit dem (unsicheren) elektronischen Personalausweis wäre besser als eine zentrale Behörde, die womöglich über das Spielverhalten aller Erwachsenen informiert würde. Initiativen in diese Richtung gibt es bereits (auch an richtiger Stelle), so möchte zum Beispiel eine Steamgruppe (Diese hat unsere Unterstützung.) die eine Möglichkeit zum Altersnachweis erreichen.

Zuletzt ändert eine Einführung der PEGI in Deutschland nichts am Problem der Indizierung. Auch mit PEGI-Aufkleber würden jugendgefährdende Medien weiterhin von der BPjM aus dem Verkehr gezogen oder gar gerichtlich beschlagnahmt. Da niemand vor einem Urteil wissen kann, ob ein Spiel nach Ansicht eines Gerichts Gewalt verharmlost (und somit illegal ist) oder nicht, würden Händler zunehmend auch solche Spiele mit einem Logo aus dem Sortiment verbannen (müssen). Leider kann nur eine Freigabe durch die USK formal ausschließen, dass man für den Verkauf von Videospielen bestraft wird. Daran kann auch die PEGI nichts ändern.

Nichtsdestotrotz hat das PEGI-System Vorteile, die nicht verschwiegen werden sollten. Erstens ist das PEGI-System in ganz Europa verbreitet. Somit wird das Risiko mehrfacher Schnitte (weniger Gewalt für Deutschland, weniger Schimpfwörter und Alkohol für den Rest Europas) reduziert. Zudem gibt es bei der PEGI einen klar definierten Kriterienkatalog, anhand dessen sich die Hersteller selber die Freigabe ausrechnen können. Somit kann ein Programm schon vor der Fertigstellung auf eine bestimmte Freigabe getrimmt werden. Für die Hersteller ist also das PEGI-System sicherlich von Vorteil. Zudem kann die Politik auf die PEGI weniger Einfluss nehmen. Ob die Bewertung des Gesamteindrucks oder aber ein Katalog mit Einzelkriterien für den Spieler sinnvoller ist, soll aber jeder für sich selbst entscheiden.