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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Posted: Tue 9. Feb 2016, 10:45
by Pyri
Vicarocha wrote:Wie jmd. glauben kann, mit dieser Methodik etwas brauchbares herauszufinden, erschließt sich mir nicht, diese Problematik (u.a. die fehlende Methodenreflexion und Plausibilitätsprüfung) ist aber m.E. für ein Gros psychologischer Forschung symptomatisch (hat mithin auch was mit der Ausbildung an der Hochschule und den Arbeitsbedingungen etc. zu tun, das führt jetzt aber zu weit); siehe dazu auch Seiten 26-28 unserer Verfassungsbeschwerde, resp. Seite 36-38 meiner Diss. (für mehr Details).

Deshalb spreche ich mich ja auch immer so vehement gegen dieses Studientennis aus: Die Studien, die vermeintl. keine (vermeintl.) negativen Wirkung medialer Gewaltdarstellungen indizieren, sind oftmals ähnlich schlecht, wie die Studien der Gegenseite. Der Laie stürzt sich dann auf diese oder jene Studie, die seiner Meinung entspricht, ohne Qualität und Aussagekraft der jeweiligen Studien objektiv beurteilen zu können... deshalb haben wir ja den ganzen Schlamassel.

(...)

Hier und da formuliere ich zwar eine ganze Menge an Desiderata (z.B. den Wunsch nach phasischen - statt tonischen - Messungen in Experimentalstudien etc.), aber ich habe keine zusammenhängende "Blaupause" oder soetwas (wäre auch seltsam, da ich ja bereits die Ausgangsfrage nach genuinen Mediengewaltwirkungen für ziemlichen Unfug halte).

(...)

Und das ist das Problem: Es geht darum, dass die Mediengewaltexposition der Probanden ja gar nicht adäquat gemessen wurde. Mit dem Maß, dass die Autoren benutzt haben, ist gar nicht ermessbar, ob bspw. drei Probanden mit (gem. Studie) identischen Expositionswerten auch tatsächlich der gleichen Quantität (und Qualität) von medialen Gewaltdarstellungen im Laufe der Zeit ausgesetzt worden sind.

Salopp gesagt könnten alle drei die gleiche "Menge" abbekommen haben...
... oder einer "viel", einer "mittel" und einer "wenig"...
... oder einer "viel" und zwei "mittel"...
... oder einer "mittel" und zwei "wenig"...
... oder einer "wenig" und zwei "viel"...
... oder alle "viel"...
... oder alle "mittel"...
... oder alle "wenig"
... oder, oder, oder (wie auch immer man solche Relationen begründen mag)...
...oder keiner der drei war überhaupt medialer Gewaltdarstellung ausgesetzt!

(...)

Es läßt sich mit der beschriebenen Methode überhaupt nicht feststellen, ob die vermeintl. Betroffenen irgendwie irgendeiner Art von medialer Gewaltdarstellung ausgesetzt waren oder nicht. Offenbar erfolgte in der vorliegenden Studie die Ermittlung der Mediengewaltexposition über die Quantität der Nutzung bestimmter Spielegenres: "A 3-level measure of game use at age 8/9 years was developed, taking into account degree of violence based on game genre." Im Folgenden wird dabei auch noch deutlich, dass man hier wohl auch noch mit recht hochrangigen Genrekategorien operiert hat (je höherrangig das Genre, desto schwieriger wird es, allgemeinverbindliche Aussagen zu treffen, z.B. das im Metagenre der Actionspiele generell Gewalt dargestellt würde), wie z.B. dem der "shoot-em-up games" (das offenbar als ein per se Gewalt darstellendes Genre definiert wurde); ungeachtet dessen, dass de facto auch nicht alle Spiele dieses Genres Gewalt darstellen, "ist das generelle Problem aller diesbzgl. Studien, dass die Gewaltdarstellungsniveaus und die diesbzgl. Abstraktionsgrade (wie die Typen, Formen, Dimensionen, Dynamiken, Sinnstrukturen und Kontexte) der dargestellten Gewalt sich bereits innerhalb der Genres gravierend unterscheiden können, insofern Gewalt überhaupt konkret dargestellt wird" (Portz 2013: 36).

(...)

Man kann im Labor schon viele nette Sachen machen (...) Der Vorwurf, dass eine Laborstudie zu artifiziell ist, ist da m.M.n. auch gar nicht so gewichtig, wenn alles methodisch sauber vonstattengehen würde (in diesem speziellen Bereich nährt sich der Vorwurf - ungeachtet ganz allgemeiner Vorbehalte gg. Laborstudien - nämlich eher aus des unökologischen Designs der Studie, dass man die Probanden z.B. nur ein paar Minuten ein Spiel spielen läßt, wo sie sie in der freien Wildbahn locker mal ein paar Stunden spielen würden). Die meisten Forscher in diesem Bereich scheinen eine solche Studie aber auf die leichte Schulter zu nehmen und das Labor als gute Möglichkeit anzusehen, ohne viel Aufwand einen enuen Artikel generieren zu können... das merkt man den Studien dann auch an (aber wie gesagt, da hat es - will man den Personen nicht direkt Böswilligkeit o.ä. unterstellen - i.d.R. auch schon in der wissenschaftlichen Ausbildung Probleme gegeben)...
"Nett" mag ja vieles sein was im Labor an Experimenten hergestellt werden kann, wenn man auf so etwas steht: wie eine qualitative Steigerung des bereits existierenden Materials demnach aussehen würde erschließt sich mir trotzdem nicht. Ganz abgesehen davon dass es unrealistisch ist, weil sie nicht so leicht finanzierbar wäre wie die (bereits) existierende (Forschung).
Anderes als das Übliche, schon Erprobte, über die psychologische Ausbildung und deren einseitig oberflächlich-naturalistischem Schlag nicht einmal vorgesehen ist, etc. Ich kann als empirisch diesbezüglich tätiger Wissenschafter etwa mehr spielen lassen, länger, verschieden, anderes. Kann Phasen einbauen in denen nicht gespielt wird usw., aber nicht einmal über den performativen Charakter dieser Tätigkeiten bestimmen, nicht einmal sagen, mir darüber sicher sein - geschweige denn im Klaren -, ob der Proband etwa nur "Laborrate gespielt hat" - beim Videospielen - und sich verstellt, selbst bei der Evaluierung - da abseitige Interessen samt (Unter-)Bewusstsein in jedem Fall zumindest vernachlässigt werden. Außer ich lasse ihn/sie darüber im Unklaren, dass er/sie überhaupt untersucht wird - was in jedem Fall unethisch wäre. Darüber hinaus von der graduellen Untersuchung abwenden, aber auch das meint letzten Endes eine Änderung der Quantität (von Ergebnissen) und nicht deren Qualität. Denn die Frage bleibt wie dennoch "Leben" im Labor so überhaupt hergestellt werden kann, als allgemeines Problem empirisch arbeitender Sozialwissenschaften: wenn ich etwa zwischendurch nach Hause gehen lasse - ich kann nicht bestimmen was dort dann geschieht, welchen Einfluss "zu Hause", Beziehungen über die ich als Forscher vielleicht nicht einmal Bescheid weiß, bei meinen "Wirkungen" haben. Schließlich ganz grundsätzlich: untersuche ich einen Probanden, der/die sich selbst als "Durchschnittstyp" sieht, oder eineN der/die - über die negative Darstellung von Videospielen in den Breitenmedien etc. - schon pathologisiert wurde, also eineN der/die bereits am Trichter ist "süchtig" zu sein, oder dadurch "aggressiv" zu werden, beziehungsweise auch sonst einen dementsprechenden Leidensdruck verspürt. Sich selbst etwa als "Opfer" der Videospiel(w)e(lt) versteht (und dadurch in einer moralisch günstigeren Position wähnt). Untersuche ich eine Person die meint, dass es für sie "besser" sei, weniger oder nicht mehr zu spielen, weil sie dadurch ihrem Umfeld gefallen, ihrer Familie zuträglich agieren, oder Karriere günstiger "verhalten" würde - oder tue ich das als Forscher nicht. Nein: ich denke, so kann ich gleich eine "Umfrage" über "Alltag" starten, wo "alle" dann lügen können wie gedruckt. Die einzige Möglichkeit die sich im Sinne einer Qualitätssteigerung für mich daraus ergibt, ist eine totalitäre: die totale Überwachung nämlich. Und nicht einmal dann würde sich der Sinn ergeben - was letztlich der Erkenntnisgewinn gewesen wäre, bloß weil ich einen einzigen Menschen untersucht habe und diesen dann statistisch aufblähen kann, im schlimmsten Fall wieder als "Risiko" verallgemeinern.

Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Posted: Tue 9. Feb 2016, 10:58
by marcymarc
Eine weitere Krux bei der Untersuchung der Thematik ist ja, dass man entweder versucht, die Wirkungsbehauptung zu bestätigen oder zu widerlegen. Bevor aber zweifelsfrei fest steht, dass es keinen oder kaum Einfluss hat, wenn man fiktive Gewalt konsumiert, wäre jedes Experiment, welches Kindern und Jugendlichen möglichen Einflüssen aussetzt, per Definition unethisch.

Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Posted: Tue 9. Feb 2016, 12:25
by Vicarocha
Diese radikale Ablehnung empirischer Laborstudien kann ich leider nicht unterschreiben; die Antwort darauf, wie eine qualitative Steigerung des bereits existierenden Materials theoretisch aussehen müßte, ist dabei mithin ja eigtl. auch recht simpel in der Entwicklung differenzierter Forschungsfragen (vgl. S.31-63 meiner Diss.) und in der Realiabilität, Objektivität und Validität der angewendeten Methoden und Techniken zu suchen, was jedoch - zugegebenermaßnen - einen Grad der Elaboration voraussetzt, von dem wir in diesem Forschungsfeld noch sehr weit entfernt sind und der (wie du richtig erkennst) nicht so leicht finanzierbar wäre und wohl regelmäßig am Ausbildungsniveau (und der Reflexionsfähigkeit) der Forscher scheitern dürfte. Abgesehen davon: Labor-, Versuchsleitereffekte etc. und auch andere Störfaktoren sind natürlich immer eine Gefahr, allerdings gibt es hier Möglichkeiten (auch statistischer Art), dem hinreichend vorzubeugen, so dass dies nicht per se gg. Laborstudien spricht; letztendlich untersuchen wir ja auch keine Einzelpersonen, sondern eine Menge an Probanden.

Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Posted: Tue 9. Feb 2016, 14:35
by Pyri
Vicarocha wrote:Diese radikale Ablehnung empirischer Laborstudien kann ich leider nicht unterschreiben; die Antwort darauf, wie eine qualitative Steigerung des bereits existierenden Materials theoretisch aussehen müßte, ist dabei mithin ja eigtl. auch recht simpel in der Entwicklung differenzierter Forschungsfragen (vgl. S.31-63 meiner Diss.) und in der Realiabilität, Objektivität und Validität der angewendeten Methoden und Techniken zu suchen, (...) letztendlich untersuchen wir ja auch keine Einzelpersonen, sondern eine Menge an Probanden.
??? Wie kommst Du darauf, dass ich empirische Laborstudien ablehnen würde, geschweige denn "radikal"?
Nur weil ich ihnen nicht euphorisch begegne, oder mir sonderlich viel davon verspreche. Gut, das tue ich nicht, aber genau das meinte ich auch: die Erwartungshaltung gegenüber dieser Forschung war und ist aus meiner Sicht einfach viel zu groß. Und genau das ihr Problem. Die (empirischen) Humanwissenschaften haben verlernt sich in Demut gegenüber ihrem Forschungsgegenstand, dem Menschen (!), zu üben und damit bereits begonnen ihn zu entmenschlichen - seiner Würde zu berauben.
Alles unter dem Vorwand des Ethos von Gesundheit und Sicherheit.
Doch aus meinen jahrelangen akademischen Studien, Wissenschaftstheorie war bei mir immer ein Pflichtfach gewesen, weiß ich, dass die Möglichkeiten von "Realiabilität, Objektivität und Validität" nunmal begrenzt sind, vor allem im Humanbereich, den "weichen" Wissenschaften die darüber nur künstlich "verhärtet" werden sollen (weil die Öffentlichkeit Zahlen mehr Glauben schenkt als unmaskierten Meinungen die sich über andere Analysenmethoden ergaben), Zahlen die aber dennoch vielfach auf der Annahme von Illusionen basieren. Denn ein Mensch "funktioniert" nicht wie ein Motor, auch wenn sich der Sprachgebrauch dem leider bereits angenähert hat: ich kann "damit" nicht einmal ein einziges Experiment zusammenbringen, das sich in ähnlicher Sicherheit wiederholen ließe wie eines mit einem anderen natürlich vorkommenden Element. Der Mensch ist kein solches Element, sondern vielfach widersprüchlich und mehrdeutig. Er reagiert nicht immer gleich.

Ja, ich bin skeptisch und würde Ergebnisse daraus nicht zum alleinigen Merkmal für politische Entscheidungen machen. Gebote oder Verbote davon abhängig.
Nein, ich würde sie (die Forschung) dennoch keinesfalls ignorieren, sondern selbstverständlich mit einbeziehen - im Übrigen auch egal welche "Qualität" ich ihr Vorderhand attestiere. Die Politik (und in der Folge das daran angeschlossene Rechtssystem) kann die Wissenschaft (und deren Ergebnisse) nicht ändern, sie kann sie aber sehr wohl anzweifeln - auch wenn sie von der Sache/Materie keine Ahnung hat. Und keine Alternative, außer dass sie jene Forschungsbereiche die ihr nicht passen, die politisch unangenehm sind, aushungern lässt - was bei meinen Geisteswissenschaften ja schon längst passiert ist.
Nur ist das doch keine "radikale" Einstellung, sondern meinem Dafürhalten nach im Gegenteil sogar ziemlich gemäßigt. Die Frage ist da schon eher was unter einer "Qualitätssteigerung" überhaupt verstanden werden könnte (!) - darauf bin ich aber nicht einmal eingegangen, denn davon müsste jemand in jedem Fall auch erst überzeugt werden. Als "radikal" würde ich es eher bezeichnen den Menschen beständig auf irgendwelche Zahlen oder Kompetenzen reduzieren zu wollen und dann noch meinen damit, mit dieser Form von "Vernunft", vielleicht sogar etwas so in der Sache grundlegend Unvernünftigem wie Videospiele etwas Gutes zu tun.
Etwas zu dessen vielfältiger Entwicklung beitragen. Das "funktioniert" bei Lyrik oder Musik auch nicht, jedenfalls nicht dann wenn sie weiterhin Emotionen transportieren soll.
Ok, das empfinde ich jedes Mal mehr als absurd.

Aber darum ging es mir jetzt auch nicht.
Es ist zum Beispiel doch schon so, dass sich in den letzten Jahren Feststellungen negativer Wirkungen auf bestimmte Risikogruppen beschränkt haben - abgesehen von ideologischen Grundlagen die bei "Mediengewalt" immer noch von anderem ausgehen. Davon (von dieser Beschränkung) kann jedoch schonmal ausgegangen werden - in einem politischen Entscheidungsfindungsprozess, und wird es meiner Meinung nach mittlerweile auch. Das finde ich auch positiv.
Dennoch halte ich es nicht für unproblematisch diese Problemfälle von einem "normalen" Personenkreis zu trennen, so als ob es überall erwartbare Tendenzen gäbe. Während der Öffentlichkeit ja wiederum in erster Linie kommuniziert wird, was sie von dieser "Gefahr" dann halten soll (oder nicht). Negativ gedacht.
Auch wenn ich jetzt die Komponente "Individualität" entferne und zum Beispiel Bezug auf diese "Menge an Probanden" nehme. Trenne ich diese im Untersuchungszeitraum voneinander oder lasse ich sie an gemeinschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, wobei ich mich dann etwa wiederum mit deren Gruppendynamik wohl oder übel auseinandersetzen muss. Das sind alles Fragen die ich - aus wissenschaftstheoretischer Sicht - in diesem Bereich erfahrungsgemäß nur höchst unzureichend, falls überhaupt, behandelt sehe. Und dort sehe ich zum Beispiel auch keine "statistische Lösung" für den Faktor Mensch, diese - wenn man so will - "variable" Größe. Deshalb lehne ich eine Beschäftigung damit aber noch lange nicht ab.